
Von den Reisen in Andalusien habe ich an die 300 Zeichnungen im Format 40 x 40 cm und etliche Skizzenbücher mitgebracht. Der obige Handdruck aber folgte nicht konkreten Zeichnungen, sondern entsprang einer Phantasie über Andalusien, geschnitten und mit Pinsel mit Universal- verdünner, der sich in das Styropor "hineinfrisst". Von der Menge hängt es ab, wie tief und wie breit diese "Linien" ausfallen. Der Zufall spielt dabei eine große Rolle. Manchmal gibt es nur dicke Flecken. - Der Druck oben im Format 100 x 70 cm wurde nur mit weißer Farbe auf schwarzem Karton ausgeführt, der Druck unten zeigt die farbige Variante. Vor dem farbigen Druck habe ich in der Platte noch strukturelle Korrekturen eingetragen. Zurücknehmen lässt sich Eingeritztes natürlich nicht, aber mit kleinen Druckrollen kann ich im Druck störende Stellen ja wieder abdecken. - Der mittlere Berg ist jedoch nicht typisch für Andalusien. Aber aus dramaturgischen Gründen habe ich ihn so gelassen. Das Bild ist eben eine Phantasie.

Ach, Andalusien
Als wir uns im September 1985 von Alicante aus auf eine Reise nach Andalusien machten, brachte schon die erste Station einen kleinen Kulturschock. Hungrig und übermüdet suchten wir in einem kleinen Ort Essen und Übernachtung. Zu lernen war, dass eine Gaststätte bzw. ein Restaurant zwei Bereiche hat: der eine ist für Ausschank, Kuchen und kleinen Imbiss tags und abends geöffnet, die „sala“ öffnet nur zu den Mahlzeiten, also zur „siesta“ und dann erst wieder zur „cena“ , und das bedeutet, kaum vor 20.30 oder 21.00 Uhr. Wir hungrigen Touristen saßen also als erste einsame Esser am Tisch. Als wir fertig waren, begann sich der Saal zu füllen. Und während wir den Schlaf suchten, fing im Hotel das „wahre Leben“ erst an. Mitternacht ist an einem Samstag keine Bettgehzeit, erst recht nicht, wenn eine Hochzeit gefeiert wird. Um 5.00 Uhr klapperten immer noch Damenschuhe in den Fluren und Gespräche werden in Spanien eh nicht leise geführt.
Der nächste Tag führte uns in Richtung Autonome Region Kastilien-La Mancha, in die Provinz Cuenca, eben in die kleine Hauptstadt mit Weltkulturerbe-Status. Denn die Altstadt liegt spektakulär auf einem fast auf 1000 Meter hohen Felssporn mit tiefen Schluchten über zwei Flüssen. Und da hängen sie dann auch, die „casas colgadas“ unter anderem mit dem Museum für abstrakte spanische Kunst. Nicht weit von Cuenca entfernt lag noch das „Tal der Felsen der verzauberten Stadt“ („ciudad encantada“). Mit seinen bizarren Kalkstein-„Skulpturen“ ein großartiges Natur-Spektakel inmitten von Gebirgseinsamkeit.
Am nächsten Tag der nächste Kulturschock, als wir von Cuenca aus in Richtung Kastilien-La Mancha und damit in das „Land von Don Quijote“ fuhren. Schier endlos zog sich die Straße auf der Hochebene dahin, an braunem Boden, silbrigen Stoppelfeldern und baumlosen Graubuckeln vorbei, meist ortlos, häuserfrei und auf dutzenden von Kilometern ohne Erhebungen. Tauchte ein Höhenzug am Horizont auf, sprach vieles nur für eines: Brachland. Miguel Unamuno, Philosoph und Schriftsteller, hat schon Ende des 19. Jahrhunderts sinngemäß gesagt, dass 90 % des Bodens in Spanien „unfruchtbar“ oder „nutzlos“ sind und nur 10 % fruchtbar und ertragreich seien. Gerade auf der Hochebene erscheint dieses Urteil als sehr plausibel. Hier kommen nur Liebhaber der Einsamkeit und von Erdfarben-Varianten auf ihre Kosten.
War das denn in Andalusien anders? Allein die Geologie selbst weist eine höhere Varianz auf und die Böden sind in Teilen fruchtbarer. Große Gebiete sind von Olivenbaum-Flächen geprägt und besitzen trotz ihrer Monokultur eine reizvolle graphische Struktur. Hinzu kommen als maurisches Erbe gartenbauähnliche Traditionen. Diese prägen sichtbar auch das kulturelle Erscheinungsbild der Städte: Jaen, Ronda, Cordoba, Cádiz, Antequera, Malaga, schließlich Sevilla und Granada – nirgendwo dort ist arabisches Erbe ausgelöscht.
Ganz anders dagegen dann die Ebene bei Almeria: Hinter den Strandzonen liegen die riesigen Plastikplanen-Gemüsekulturen. Bestechend hässlich und wasserfressend, versorgen sie Großteile Nordeuropas durch Wasser aus Nordspanien und befördern damit die regionalen Ungleichheiten innerhalb des Landes. Denn auch das ist ein wesentliches spanisches Erbe: Der Kontrast zwischen Provinz und Großstädten, zwischen Inlandsentleerung und Küstentourismus.
Dieses prekäre Verhältnis von Leere und Dichte hat vor einigen Jahren der spanische Journalist Sergio del Molinos in seinem Buch „Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab“ (Wagenbach) facettenreich und drastisch beschrieben und damit für Aufregung in Spanien gesorgt. Es gibt demnach ganze Landstriche einer Entvölkerung, die schon durch die Industrialisierungspolitik des Franco-Regimes befördert wurde und sich in den letzten Jahrzehnten noch radikalisiert hat.
An einem eigenen Beispiel sei es erläutert. Als wir 1985 in Granada ankamen, erhielten wir im „parador“ ein Zimmer mit Aussicht in die Alhambra und konnten am nächsten Morgen in der Frühe zusammen mit einigen anderen Besuchern die ruhige Atmosphäre genießen. Gut 30 Jahre später ist Granada die meistbesuchte Stadt Spaniens, denn auf jeder Reise ist die Alhambra weltweit Pflicht geworden. Ohne vorher gebuchtes Zeitfenster kommt niemand mehr hinein - und trotz der „Quotierung“ machen einen die wartenden Massen ganz wehmütig. Zum Zeichnen jedoch war Granada jenseits der Alhambra für mich 2015 ein Paradies.
Welch ein Kontrast dann 2016 im andalusischen „Hinterland“: Gaucin, mehr als nur ein Weiler in den Bergen der Provinz Malaga, empfing uns mit gähnender Leere. Dabei gehört der Ort in die „Perlenkette“ der berühmten andalusischen „weißen Dörfer“. Die einst von der Landwirtschaft lebende Bevölkerung ist stark geschrumpft, viele der kleinen Häuser im Gewirr schmaler Gassen sind nur in Ferienzeiten belegt. Die ruhige Atmosphäre kündet auch von Abwesenheit und vom Verlust von Infrastruktur. Hier ließ sich gut Zeichnen, doch stand es auch unter dem Zeichen von aufgegebenen Leben, wie unschwer an vielen verwilderten Gärten zu erkennen war.